Gemeinde Wachtberg

Die Liebe in allen Facetten

Shakespeares Sonette: Michael Mertes trug einige Sonette vor und erläuterte die Vielfalt dieser Gedichtsammlung. (Foto: Gemeinde Wachtberg/mm) Wachtberg-Ließem (mm) – Insgesamt 154 Sonette hat William Shakespeare verfasst. Nach den Psalmen zählen sie zur erfolgreichsten und am weitesten verbreiteten Dichtung aller Zeiten. Und auch in Wachtberg gibt es Shakespeare-Fans. So freute sich Michael Mertes, im Rahmen der diesjährigen Kulturwochen zahlreiche interessierte Gäste zu einer Lesung dieser von ihm übersetzten Sonette begrüßen zu können.

 

10. Wachtberger Kulturwochen (Banner)

 

Mit einem Schmunzeln im Gesicht überraschte er gleich zu Beginn die Zuhörer Shakespeares Sonette: Andreas Mertes untermalte musikalisch die Lesung seines Vaters. (Foto: Gemeinde Wachtberg/mm)

mit der Ankündigung, dass sein Sohn Andreas Mertes die Lesung mit Musik auf der Akustikgitarre begleiten werde. Denn, so Mertes, dabei den Blick vom Porträt Shakespeares auf seinen Filius richtend, „die beiden sehen sich doch ähnlich!“. Musik aus Shakespeares Zeit werde zu hören sein, aber auch Kompositionen der Moderne … beides würde gleichermaßen gut mit den Sonetten harmonieren.

 

Die Liebe – früher wie heute großes Theater

Und so gestalteten sich die einzelnen Textpassagen im Wechsel mit den leichten Gitarrenklängen zu einer Reise ins Shakespeare’sche Theater. Eros sei das alles bestimmende Thema, erläuterte Mertes, wobei die Figuren auf der Bühne immer die gleichen seien. Entweder gehe es um den Dichter selbst oder um einen Schönling, eine Femme Fatale bzw. die „Dark Lady“ und einen Nebenbuhler. Die Statisten, das Volk, seien mit der elisabethanischen Gesellschaft gleichzusetzen. Des Dichters Liebesglück und -leid hat Shakespeare vielfach beschrieben, besonders prägnant in Sonett 21: „Nein, ehrlich wie mein Lieben sei mein Schreiben, dass jeder sieht: Mein Schatz ist einfach schön.“ Große Enttäuschung dagegen spiegelt sich im Sonett 90: „… gib mir den Rest und zwing zu Boden mich – verlängere nicht die lange Unglückssträhne!“ Um schmachtende Liebe geht’s in Sonett 128. Da richtet ein Jüngling seine Eifersucht auf die Spinetttasten, die seine Angebetete beim Musizieren  berührt: „Taugt denn Holz mehr als lebendige Haut zum jeu d’amour?“ Zum Desaster gar wird Liebespein im Sonett 147, als der Dichter erkennt, dass seine Liebste und der Jüngling ihn betrogen haben: „Mein Leben ist wie Fieber … Du bist höllenschwarz, wie finstre Nacht!“. Liebelei, Glück und Leid, ein immer wiederkehrendes Szenario, das Shakespeare in allen Facetten zu beschreiben weiß.

Aber auch Politisches, erläuterte Mertes, findet sich in seinen Werken. So sei Shakespeares der Gesellschaft gewidmetes Sonett 66 schon mehrfach von politisch Oppositionellen zitiert worden, heißt es doch darin u. a.: „Kraft durch lahmes Regiment verschlissen und Kunst von Kontrolleuren stumm gemacht“.

 

Die Sprache – damals wie jetzt modern

Neben den Höhen und Tiefen der Liebe mit all seinen Protagonisten beleuchtet Shakespeare in seinen Sonetten jedoch auch allgemeine Aspekte, wie die des  geistigen Zustands der Liebe. Reiner Platonismus sei es, wie in Sonett 43 angeführt wird. Aber da ist auch das Begehren mit seiner hellen und dunklen Seite. Eines der berühmtesten Sonette der Sammlung, Nr. 129, verflucht letztere besonders deutlich: „Verspritzte Kraft und Schande ohne Sinn ist Geilheit in Aktion … Man weiß das wohl – und strebt gleichwohl verblendet in jene Höh, die in der Hölle endet.“ Mertes erklärte seine mitunter sehr moderne Sprachwahl damit, dass auch Shakespeare seinerzeit keine Hemmungen gehabt hätte, Lebensrealitäten klar zu benennen, so dass auch er für seine Übersetzungen heutige Sprachtermini gewählt habe.

 

​Im Vers – für immer unversehrt

Auch von der Liebe als Etwas, das in unserem Innern bleibt sowie von der Asymmetrie in der Liebe ist die Rede, wenn der alte Dichter den jungen Schönling liebt oder Standesunterschiede der Liebe im Weg stehen.
Shakespeares Sonette (Titelseite)
Und auch Reflexionen über den Tod, die Vergänglichkeit und die eigene Endlichkeit finden sich in Shakespeares Sonetten. Alleine die ersten 27 sind so genannte Fortpflanzungssonette, in denen u. a. daran erinnert wird, dass man in seinem Kinde noch weiterlebt … oder auch in einem Gedicht. Zu den berühmtesten zählt Sonett 18: „Im Vers bleibst Du für immer unversehrt.“


„Du, meine Rose, bist das All für mich - Die Sonette von William Shakespeare“  ins Deutsche übertragen von Michael Mertes, Verlag Franz Schön, ISBN: 978-3-981-6420-0-1.