Gemeinde Wachtberg

Am Schluss war’s eine Premiere

Im Wechsel von Gelesenem und Eigenkompositionen trugen Musiker Christian Lemmer (li.) und Rezitator Peter Thomas den dritten Teil von Hans-Christian Andersens „Bilderbuch ohne Bilder“ vor. (Foto: Gemeinde Wachtberg/mm) Wachtberg-Ließem (mm) – Dass ein literarisches Kleinod, programmatisch zudem in einem klassisch-romantischen Klavierzyklus vertont, in drei Teilen und über einen Zeitraum von zwei Jahren begeisterte Zuhörer findet, bewiesen Peter Thomas und Christian Lemmer aufs Neue mit ihrem die Trilogie jetzt abschließenden letzten literarisch-musikalischen Abend zu Hans-Christian Andersens „Bilderbuch ohne Bilder“ im Köllenhof in Ließem.

 

10. Wachtberger Kulturwochen (Banner)

 

Neben den treuen Fans der ersten beiden Teile dieses „Dreiteilers“ konnten sich die beiden Akteure zum Finale über zahlreiche neue Gesichter unter den Gästen freuen. Teil I und II der Andersen’schen Geschichten waren bereits im Rahmen der 8. und 9. Wachtberger Kulturwochen zur Aufführung gekommen. Jetzt, zum diesjährigen 10. Kulturwochen-Jubiläum, standen die letzten elf der insgesamt 33 Kurzgeschichten an. Hans-Christian Andersen eröffnet in diesen kleinen, szenischen Märchen voller Poesie, Humor und Melancholie Einblicke in die ganz eigenen Licht- und Schattenseiten der Nacht. So ist es der Mond, der nächtens einem Künstler seine Beobachtungen aus aller Welt schildert und diesen auffordert, „er möge sie nur genau so wiedergeben, wie sie ihm erzählt wurden.“

Der Mond erzählt

Und der Mond, gewohnt wohl akzentuiert mit schön ruhiger Stimme gesprochen von Peter Thomas, schöpfte auch dieses Mal wieder aus seinem großen Erinnerungsfundus und berichtete von großen und kleinen Nöten, von Mensch und Tier, von Traurigkeit und Elend, aber auch von der unerschütterlichen Kraft der Liebe und der Hoffnung. Da träumen sich in Tirol beim Anblick der vorbeifahrenden Postkutsche junge Novizinnen eines Klosters in ferne Weiten, da richtet sich in Dänemark der Blick auf einen kleinen Knaben am Spinnrad, dessen Antlitz sich viele Jahre später in einem Kunstwerk in Rom wiederfinden wird, und in Franfurt wird liebevoll eine alte Mutter gepflegt. Im fernen China beobachtet der Mond einen Mönch, der nur augenscheinlich ins Gebet vertieft ist, sich aber in Gedanken an eine junge Frau auf grüblerische Abwege begibt. Schön auch die Szene der „Morgendämmerung“, in der aus einem Schwarm wilder Schwäne ein Schwan erschöpft ausbricht und sich für eine kleine Erholungspause auf einem See niederlässt, um dann, später, alleine und einsam weiterzufliegen. Auch über in Steingräbern alter Klosterkirchen bestattete Könige, über fahrende Musikanten und tanzende Bären macht sich der Mond Gedanken. In „Die Melodie eines Gefangenen“ rätselt er, ob das Lied, dessen Noten ein Häftling vor seinem Abtransport aufs Mauerwerk gemalt hat, eine Todeshymne oder Jubeltöne aufzeigen. Andersen weiß es schließlich aufzuklären, wenn auch nicht aufzulösen: „Die Strahlen des Mondes lesen nicht alles, was die Sterblichen schreiben.“ Und zum Schluss, mit dem 33. „Bild“, führt der Mond den Künstler – und die Zuhörer – in eine Stube einfacher Leute. Er liebe die Kinder, sagt der Mond, um dann dem Mädchen dort beim Vater-unser-Beten zu lauschen: „Gib’ uns unser täglich Brot“ … und wie es im Stillen hinzufügt: „… und recht viel Butter drauf.“

Christian Lemmer bewies auch mit seinen letzten elf Kompositionen zu Hans-Christian Andersens „Bilderbuch ohne Bilder“, dass er es meisterlich versteht, die berührenden menschlichen Momentaufnahmen so zu vertonen, dass sich die Bilder und Stimmungen dieses besonderen literarischen Kleinods im Dialog von Wort und Klang noch vertiefen und weiter entfalten können. Mal verträumt, zögerlich, sanft und zart, ein anderes Mal träge und verhalten, dann wieder fröhlich und verspielt fand er in seinen Kompositionen für jede Szene das passende musikalische Bild.

Eine Premiere

Und eine Überraschung hielt Lemmer auch noch für die Gäste bereit. Neben Bachs Arie aus den Goldberg-Variationen als Zugabe, mit der er die Zuhörer erfreute, freute er sich darüber, dass mit der Aufführung aller drei Teile von Andersens „Bilderbuch ohne Bilder“ dieser umfangreiche Zyklus, bestehend aus Lesung und seinen Kompositionen, nun erstmals in Gänze zur Aufführung gelangt sei. Wer also bei allen drei Teilen dabei war, hat eine Premiere erlebt … und das bei den Wachtberger Kulturwochen. Was für ein schönes Jubiläums-Extra!