Gemeinde Wachtberg

„Out of Holland“ - Lesung mit Elisabeth Jumpelt am 20. Mai

Lesung Elisabeth Jumpelt (Plakat) Wachtberg-Villip - Auf Einladung des Wachtberger Büchereiverbunds liest die in Wachtberg-Pech lebende Autorin Elisabeth Jumpelt am Dienstag, 20. Mai 2014, um 19.30 Uhr im Ließemer Köllenhof aus ihrem Manuskript „Out of Holland oder die geteilte Kindheit“.

Die Autorin entwirft ein faszinierendes Panorama ihrer unbeschwerten Kindheit in Holland als Tochter eines deutsch-niederländischen Elternpaares in den 20er und 30er Jahren bis hin zum plötzlichen Umzug der Familie nach Berlin. Dieser Wechsel ist mehr als ein Kulturschock für die knapp sechszehnjährige Schülerin. In der „Reichshauptstadt“ erlebt sie dann den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und hört von der Besatzung ihrer geliebten holländischen Heimat. Episodenhaft blickt Elisabeth Jumpelt aus der Sicht der Erwachsenen auf ihre jungen Jahre zurück und zeichnet ein differenziertes Bild dieser bewegenden Zeit.

Büchereiverbund Wachtberg (Logo, neu)Der Büchereiverbund setzt - nach den Bonner Autoren Gisbert Haefs und Wolfgang Kaes sowie der Niederbachemer Lyrikerin Ursula Contzen, der Villiper Autorin Janine Binder und der Niederbachemer Schriftstellerin Andrea Schacht seine Reihe „Lesungen im Köllenhof“ mit ortsnahen Schriftstellerinnen und Schriftstellern fort. Er möchte damit in lockerer Folge ein Forum anbieten, in dem die Autoren einem interessierten Lesepublikum aus der näheren Umgebung begegnen und sich austauschen können.

Im Vorfeld der Lesung führte Dieter Dresen, Leiter des Büchereiverbundes, mit Elisabeth Jumpelt ein Interview.

Interview mit Elisabeth Jumpelt

... anlässlich der Lesung aus ihrem Manuskript „Out of Holland oder Die geteilte Kindheit“

Dieter Dresen: Frau Jumpelt, was treibt eine Frau in Ihrem hohen Alter eigentlich an, sich in der kostbaren Freizeit hinzusetzen und … zu schreiben?

Elisabeth Jumpelt: Junger Mann, als ich vor acht oder neun Jahren angefangen habe zu schreiben, da war ich ja noch nicht so alt wie heute. Eigentlich habe ich immer schon gerne geschrieben, für mich, für die Familie, kleine Glossen und Geschichten, sehr viele Gedichte für Freunde zu Geburtstagen und anderen feierlichen Anlässen.

D.D.: Wer gab ursprünglich den Anstoß, Erinnerungen und Erlebnisse, Gedanken und Gefühle, Persönliches und Allgemeinmenschliches dann in eine literarische Form zu fassen?

E.J.: Ich hab meine Texte schon früh im privaten Kreis vorgetragen, und dann haben mich wohlwollende Freunde schon bald aufgefordert: „Schreib doch mal ein Buch über Dein Leben!“ Schreiben ist die eine Sache, einen interessierten Verlag muss man sich dann allerdings selber suchen.

D.D.: Wen oder was haben Sie als Kind gerne gelesen?

E.J.: Ich bin ja in Holland groß geworden. Es waren somit holländische Bücher von holländischen Autoren, aber ich kann mich leider nicht mehr an irgendwelche Autoren erinnern. Wir lasen in den 30er Jahren überwiegend so „Readers-Digest-Geschichten“ aus der heilen Welt.

D.D.: Wer hat Sie in Ihrer Jugend und dann in Ihrem Leben am meisten geprägt?

E.J.: Meine Mutter vor allem, und auch mein Vater. Es war eben eine Kindheit im royalistischen Holland. Ich hatte ja keine Geschwister, war ein verhätscheltes Einzelkind. Ich „genoss“ bis zu meinem 16. Lebensjahr eine für heutige Verhältnisse relativ strenge Erziehung, weitgehend kalvinistisch geprägt. Das war eben so damals.

D.D.: Haben Sie als Autorin literarische Vorbilder?

E.J.: Unter anderem Thomas Mann. Bei ihm weiß man am Ende eines sehr langen Satzes immer noch, wie dieser angefangen hat. Ich bevorzuge allerdings kürzere Sätze, denn das ist weniger anstrengend für den geneigten Leser.

D.D.: Gab es überhaupt so etwas wie Idole in Ihrem Leben?

E.J.: Außer einem gelegentlichen Kinobesuch gab es damals für Kinder nur wenig Gelegenheit, eine Person zum Idol zu erheben. Wir haben vor allem viele amerikanische, jugendfreie Filme gesehen, und da hat mich und meine Freunde Shirley Temple sehr stark beeindruckt. Sie war so jung wie wir, konnte souverän spielen, konnte singen und steppen und wurde damit weltweit zum absoluten Kinderstar. Dann gab es später auch noch Gary Cooper und all die anderen, wunderschönen amerikanischen Schauspieler. Durch die amerikanischen Filme waren wir schon sehr früh vertraut mit der englischen Sprache. Es wurde zwar untertitelt, aber nicht synchronisiert. Deutsche Filme waren mir völlig unbekannt.

D.D.: Wieso?

E.J.: Alles Deutsche fand in Holland ja nicht statt. Bis 1939 lebten wir in Apeldoorn, erst dann sind wir - ausgerechnet - nach Berlin umgezogen; meine deutsche Mutter hatte immer etwas Sehnsucht nach ihrer Heimat, und mein Vater hat diesem Verlangen wohl nachgegeben. Ich habe lange Zeit überhaupt nicht verstanden, warum ich dafür meine Heimat verlassen musste. Es war für uns drei allerdings ein gehöriger Schock, als wir dann in Berlin ankamen. Informationen über die Verhältnisse im Dritten Reich flossen damals sehr dürftig, heute wären alle Beteiligten viel besser informiert und wir wären mit Sicherheit in Holland geblieben.

D.D.: Recherchieren Sie vor der Niederschrift in irgendeiner Form, um nach so langer Zeit Ihrem Gedächtnis etwas nachzuhelfen?

E.J.: Ja, alte Bilder und Texte helfen mir da natürlich. Ich besitze einen dicken Sammelband niederländischer Wochenzeitschriften der 30er Jahre, schön bebildert, aber auch vieles aus den Erzählungen der Verwandtschaft, wenn Familiengeschichten aufgetischt werden, da kommt vieles wieder hoch. Ich habe aber in jungen Jahren leider so gut wie kein Tagebuch geführt. Das hätte mir sehr geholfen.

D.D.: Sind Sie denn zweisprachig aufgewachsen?

E.J.: Meine Mutter hat‘s zumindest versucht. Als ich dann als Sechzehnjährige nach Berlin kam, sprach ich Deutsch wie Rudi Carell, charmant, aber falsch. Und wenn ich als Kind etwas nicht verstehen sollte, haben meine Eltern einfach Deutsch gesprochen. Da habe ich dann auch einiges aufgeschnappt.

D.D.: Wie haben Sie dann auf den Überfall der Deutschen auf Holland, auf die Besatzung reagiert?

E.J.: Das war eine Katastrophe für mich! Wobei die deutsche Berichterstattung in dieser Zeit absolut nicht ehrlich war, nur einseitig. Ich weiß nur noch, dass die Holländer gegen die Besatzer ihr Land unter Wasser gesetzt haben. Aber insgesamt habe ich damals zu wenig davon mitbekommen. Wenn, dann nur durch meinen Vater, der hatte einen viel klareren Blick auf die politischen Verhältnisse als meine völlig unpolitische Mutter.

D.D.: Wären Sie gerne nach Holland zurück gegangen?

E.J.: Damals sofort. Berlin fand ich scheußlich, die Berliner so steif und so unholländisch, die Menschen waren überhaupt nicht so freundlich und gemütlich wie in Holland, so kriegerisch, so zackig.

D.D.: Waren die beiden Seelen in Ihrer Brust, die holländische und die deutsche, in Ihrem Leben eine Wunde?

E.J.: Ich habe es nicht als Wunde empfunden, aber bei kritischen Entscheidungen hat das Holländische stets die Überhand gewonnen. Vor allem, wenn es galt, einen gordischen Knoten zu zerschlagen, dann habe ich stets holländisch gedacht. Einige Verwandte sind ja noch drüben, und durch den Holländischen Club in Bonn habe ich auch immer noch Kontakt mit „drüben“.

D.D.: Zurück zum Schreiben: Haben Sie einen kritischen Lektor oder Korrektor, der Ihnen literarische Hilfestellungen gibt?

E.J.: Nein, überhaupt nicht. Leider. Ich suche ja noch einen Verlag.

D.D.: Sie nennen ihr Buch „Out of Holland oder Die geteilte Kindheit“. Ist jetzt im Alter die Teilung aufgehoben?

E.J.: Ach, eigentlich schon, aber wenn ich das jetzt in meinen Geschichten immer wieder umackere, dann wird das wieder lebendig, das trägt man ja sein ganzes Leben mit sich herum, das wird man nie mehr los. Ich erinnere mich jetzt im hohen Alter an Episoden, die ich längst vergessen hatte, die ganz tief verschüttet waren. So zum Beispiel erinnere ich mich an eine nette Mitbewohnerin im Kriege in Berlin. Meta Zart, sie war Single, Geschäftsführerin bei Braun, einer Radiofirma. Und dann eines Tages, da fällt ein Schatten vor unserem Küchenfenster herunter. Wir schauen raus … und unten liegt Meta Zart. Sie war Halbjüdin, was niemand von uns wusste. Ihr habe ich eine Episode in meinem Buch gewidmet. 240 Seiten sind nun fertig!

D.D.: Weshalb sollen Kinder und Jugendliche der Cyberspace-Generäschn sich heute noch ein teures, möglicherweise dickes Buch kaufen, sich hinsetzen und … einfach lesen?

E.J.: Hmh, ich weiß nicht, ob das Buch noch einmal aufleben wird. Es liegt wohl am fehlenden Einfluss von Schule, Eltern und Großeltern, die Kinder zum Buch zu führen. Für die nächsten 20 Jahre bin ich eher skeptisch. Dann kommt vielleicht irgendwann wieder die Lust auf Bücher. Viele Neuerscheinungen kommen in den letzten Jahren ja auch als E-Book zur Welt. Das ist vielleicht eine Alternative.

D.D.: Letzte Frage: Was bedeutet Ihnen ein Auftritt bei einer öffentlichen Lesung vor einem fremden Publikum?

E.J.: Berühmtheit! Nein, ich mache es nur des Geldes wegen. (Lacht.) Spaß beiseite: Die Möglichkeit, einigen Mitmenschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, einen netten Abend zu bereiten, und vielleicht einige Jüngere dazu zu animieren, endlich ein Tagebuch zu führen. Man weiß ja nie, ob man später nicht auch ein Buch schreiben wird, vielleicht mit dem Titel: „Meine ungeteilte Kindheit in Niederbachem“.

D.D.: Allerletzte Frage: Woher nehmen Sie Ihren unerschöpflichen Humor, der immer wieder in Ihren Zeilen durchschimmert und die Lektüre Ihrer Geschichten so angenehm macht?

E.J.: Sie sind ein Schmeichler, junger Mann. Humor ist angeboren, das ist mit Sicherheit auch das niederländische Erbe. Die Niederländer sind in vielen Situationen, mit allem Vorbehalt, viel lockerer und humorvoller als die etwas verkniffenen Deutschen, ich erinnere nur an Rudi Carell. Die nehmen sich eben nicht so ernst. Und das lieben die Deutschen.

Zur Person

1924 in Hannover geboren
Mutter Deutsche, Vater Holländer
Umzug mit drei Jahren nach Den Haag, in die Heimat des Vaters
dann Kinder- und weitere Jugendjahre in Apeldoorn, keine weiteren Geschwister
im Alter von 16 Jahren, 18 Monate vor Kriegsausbruch, Umzug der Familie nach Berlin auf Wunsch der Mutter
Abitur in Berlin, trotz einiger Sprachschwierigkeiten dank der Unterstützung durch wohlwollende Lehrer
Kriegsende wird in Südbaden erlebt
Sprachenstudium in Freiburg und Basel
Dolmetscherin und Übersetzerin im Verteidigungsministerium in Bonn
anschließend an deutschen Botschaften in Paris, London, Den Haag und Brüssel
1957 Heirat mit Dr. Walter Jumpelt, ebenfalls Dolmetscher
zwei Kinder
lebt in Wachtberg-Pech