Gemeinde Wachtberg

Klingende Worte – sprechende Töne

Lesung mit Güner Perkams und Ilse Fuß (re.) – musikalische begleitet von Cordelia Loosen-Sarr. (Foto: GW) Wachtberg-Ließem – Der Adendorfer Autor Günter Perkams, 1938 im Memelland geboren, schaut auf ein bewegtes Leben zurück. Kindheit und Jugend sind geprägt von den Schrecken des Zweiten Weltkrieges, vom gewaltsamen Tod des Vaters und dem Verlust der Heimat. Anlässlich einer Lesung im Ließemer Köllenhof im Rahmen der Wachtberger Kulturwochen, ...

Kulturwochen 2013 (Banner)

 

 


Lesung: Ursula Perkams, stellvertretende Bürgermeisterin, begrüßte die Gäste zur Lesung ihre Mannes Günter Perkams. (Foto: GW)

... die von Wachtbergs Vize-Bürgermeisterin Ursula Perkams eröffnet wurde, trug Ilse Fuß aus Niederbachem in einer Kurzbiographie die wichtigsten Lebensstationen Günter Perkams vor: 1958 Umsiedelung in die Bundesrepublik, Wiedererlernen der deutschen Sprache, nachgeholtes Abitur und schließlich beruflicher Erfolg als Jurist. Seit Jahrzehnten ist er mit seiner Familie, aus der drei Kinder stammen, in Wachtberg zuhause. Vor diesem biographischen Hintergrund hat sich ein reiches Prosa- und Lyrikwerk entfaltet, das Er- und Gelebtes aufgreift, es aber nicht in Tagebuchmanier wiedergibt. Mit zwei Geschichten aus seinem Buch „Auf dem Berg“ führte der Autor die zahlreichen Gäste im Köllenhof in seine Kindheit zurück und ließ sie auch an seiner Segelpassion teilhaben.


Worte und Töne
Während Perkams und Fuß im Wechsel Erzählungen sowie Lyrik lasen, begleitete sie Cordelia Loosen-Sarr, professionelle Musikerin aus Niederbachem, mit einer Klangchoreografie. Sie spielte u. a. auf verschiedenen Flöten Stücke aus ihrer CD „Seelenhauch“. In den besten Momenten verwoben sich dabei Worte und Musik zu einem wunderbaren Zweiklang; die Musik ließ das Gesprochene nachklingen, verstärkte es manchmal, fing Schweres auf und gab den Zuhörern Raum für eigene Gedanken und Impressionen.
Dem Gedicht „An die Windsbraut“ – feinsinnige Meeres- und Liebeslyrik – stellte die Flötistin das Stück „Meeresstimmung“ voran. Akustisch untermalte sie auch die von Günter Perkams vorgetragene, ein wenig in technische Details verliebte Erzählung „Mast- und Schotbruch“. Der Autor berichtet darin von einem dramatischen Segeltörn einer Männercrew in der Ostsee, der zu einem Mastbruch führt. Perkams, dem begeisterten Segler, scheint es aufgrund seiner Erfahrungen im russischen Schiffsbau und mit handwerklichem Geschick zu gelingen, den Mast vom Schiff zu trennen. Aber erst als die Segler in den Hafen von Langeland geschleppt werden, merken sie, dass der Mast immer noch durch ein dünnes Stahlseil mit dem Boot verbunden ist. Damit ist klar, dass sie nur um Haaresbreite einer Katastrophe entgangen sind.

Hommage an den Vater
Mit dem Gedicht „Kinder der Armut“ leitete Günter Perkams den zweiten Teil der Lesung ein, der sich mit Eindrücken aus der Kindheit des Autors beschäftigte. Von Ilse Fuß sehr einfühlsam und versiert vorgelesen bewegte das Publikum anschließend die Geschichte vom Tod des Vaters. Perkams Erzählstil bleibt gewohnt sachlich und präzise in der Wortwahl, als er die Situation der kinderreichen Familie Perkams in dem seltsamen zeitlichen Niemandsland nach Kriegsende 1945 beschreibt. Marodierende russische Soldaten überfallen das abgelegene Bauernhaus der Familie im besetzten Memelland und fordern Uhren sowie Alkohol. Vermutlich um die Russen abzulenken oder auch um Hilfe zu holen, verlässt der Vater den Hof. Dabei wird er von einem „Schmiere stehenden“ Soldaten gesehen und erschossen. Perkams fängt das Entsetzen der hochschwangeren Mutter und ihrer neun Kinder angesichts des zuerst unfassbaren Todes des Vaters sprachlich genau ein. Er beschwört das Unbegreifliche, das Verstörende und bis heute Nachwirkende beklemmend herauf, zieht die Zuhörer mit seinen Worten in den Bann. Weit blickend und zugleich tragisch fällt schließlich seine Analyse dieses Gewaltverbrechens aus, das die Familie vermutlich vor der Deportation nach Sibirien bewahrt hat. In diesen Momenten ist der Autor und Zeitzeuge Günter Perkams ganz nah bei sich auf hohem literarischem Niveau. In dem sensiblen Flötenspiel von Cordelia Lossen-Sarr fanden auch bei dieser Erzählung Perkams Worte ihren musikalischen Widerhall.

Das Publikum dankte ihm, Ilse Fuß und Cordelia Loosen-Sarr für die beeindruckende Lesung mit lang anhaltendem Applaus. (GW)