Gemeinde Wachtberg

Ver„nicht“ende Kritik

Elisabeth Jumpelt (re.) und Kurt Zimmermann (li.), Leiter des Büchereiverbundes Wachtberg. (Foto: GW) Wachtberg-Ließem – Wer Elisabeth Jumpelt kannte, der wusste schon im Vorfeld, dass es ein heiterer Sonntagnachmittag werden würde.

5. Wachtberger Kulturwochen vom 1. bis 17. Juli 2011 (Logo)

 

Zu einer Lesung aus ihrem bisher unveröffentlichten Manuskript „Out of Holland oder Die geteilte Kindheit“ hatte die Pecherin im Rahmen der 5. Wachtberger Kulturwochen in den Köllenhof nach Ließem eingeladen.

So begann die über 80-Jährige den Rückblick auf ihre Kindheit ganz unerwartet mit dem Vorlesen eines, wie sie vorgab, anonymen Leserbriefes, in dem der Schreiber mit den für ihn unsäglichen Lesungen so genannter Autoren von Kindheitserinnerungen gnadenlos abrechnete. Die Art der Wortwahl und nicht zuletzt die veränderte, stark akzentuierte Sprechweise Jumpelts ließen schnell Assoziationen zu einem, für seine ablehnende Haltung bezüglich bestimmter Auszeichnungen bekannten Literaturkritiker aufkommen. Die allgemeine Belustigung ereichte ihren Höhepunkt, als in dem Leserbrief auch an den inzwischen überall stattfindenden Kulturwochen kein gutes Haar gelassen wurde. „Kulturwochen sind ein weiterer Beitrag zum Niedergang der Literatur!“, damit endete der „unbekannte“ Briefeschreiber. Der Name, fügte Jumpelt trocken an, sei der Redaktion bekannt, was wiederum zu brüllendem Gelächter im Publikum führte.

Im weiteren Verlauf der Lesung las Jumpelt einige Kapitel aus ihren Erinnerungen – dieses Mal mit „eigener“ Stimme. Ihre frühe Kindheit, die sie als Kind eines Holländers und einer Deutschen in Holland verbracht hat, beschrieb sie mit viel Esprit und Wortwitz. Feine Beobachtungen des menschlichen Miteinanders, mal ironisch, mal sarkastisch, dabei immer wort- und den beschriebenen Personen mit all ihren Schwächen zugewandt, zeichnen Jumpelts Schreibstil aus. Kindliche Sichtweisen von damals mischte sie gekonnt und auf sehr unterhaltsame Art und Weise mit dem Erwachsenenverständnis von heute. So malte sie in Worten Bilder ihrer Fahrradfahren lernenden Mutter ebenso bunt wie die Erinnerungen an ihre Kaninchen und Goldfische. Von holländischen Nikolausfeiern berichtete sie, von ihrer ersten „Glaubenskrise“ und von Nachbars Hunden, die besonders gerne in die Hecke ihres Vaters traten und dies später geradezu „blitzartig“ abgewöhnt bekamen.

„Wer noch mehr lesen will, muss das Buch kaufen“, damit endete Elisabeth Jumpelt ihre Lesung, um dann anzufügen: „… aber dafür muss es erst verlegt werden.“ Woraufhin Kurt Zimmermann, Leiter des Wachtberger Büchereiverbundes, mit dessen Unterstützung diese Lesung stattgefunden hatte, meinte: „Sie müssen das Buch veröffentlichen!“ Die Zuhörer schlossen sich dem einvernehmlich an und machten deutlich, dass sie Elisabeth Jumpelt gerne nochmals in einer Lesung hören wollten. Zimmermann hatte auch direkt eine Idee … (GW)


... und, mit freundlicher Genehmigung von Elisabeth Jumpelt, ist oben erwähnter "Anonymer Leserbrief" im Folgenden in ganzer Länge abgedruckt:

Anonymer Leserbrief

"Liebe Gäste,
vor einigen Tagen fiel mein Auge auf einen (anonymen) Leserbrief, den ich Ihnen auszugsweise vorlesen möchte.

Der Verfasser schreibt:
„Es stimmt mich immer sehr bedenklich, wenn ich erfahre, dass sich wieder einmal jemand bemüßigt fühlt, seine völlig uninteressanten Jugend-Erinnerungen aus dem In- oder Ausland, aus Kriegs- oder Friedenszeiten oder auf der Flucht vor irgend etwas zu Papier zu bringen. In einem Anfall von totaler Selbstüberschätzung beschließt dieser Mensch, Schriftsteller zu werden. Er oder sie schwingt die literarische Keule und fängt an zu schreiben.
Es wäre ja auch nicht weiter schlimm, wenn der betreffende selbsternannte Schriftsteller diesen verbalen Erguss für sich behalten würde.
Die meisten dieser Menschen haben ihr Verfallsdatum längst überschritten. Auch wenn sie sich nur noch mit Hilfe eines Rollators fortbewegen können, versuchen sie mit enervierender Penetranz, diesen literarischen Schrott zu Gehör zu bringen. Dazu ist ihnen jedes Mittel recht. Sie überfallen arglose Mitbürger und nötigen sie dreist, der Verlesung dieser so genannten Memoiren beizuwohnen. Es werden sich bestimmt auch einige Bekannte gedrängt fühlen, ihren Sonntagnachmittag um des lieben Friedens Willen zu opfern, aber vielleicht auch nur, weil ihnen ad hoc keine passende Ausrede eingefallen ist. Am Sonntag wird bekanntlich niemand bestattet.
Auch in einer kleinen, mir völlig unbekannten und daher unbedeutenden Gemeinde irgendwo am Rhein – und der Rhein ist lang - tritt in diesen Tagen wieder einmal der Härtefall ein. Man veranstaltet - wahrscheinlich in Ermangelung anderer Attraktionen - so genannte Kultur-Wochen.. Im Rahmen dieser sicherlich gut gemeinten Veranstaltung kann sich dann jeder produzieren, der schon mal ein Buch gelesen hat, also lesen kann. Ob er oder sie schreiben kann, ist hierbei Nebensache. Da dreht sich mir der Magen um
Aber da gibt es eine andere, wichtige Voraussetzung: die Person muss steinalt sein. Dann hat sie viel erlebt und wenn sie sich auch beim besten Willen nicht mehr daran erinnern kann, was sie am Vortage gegessen hat, die ein halbes Jahrhundert zurück liegenden Geschehnisse sind wie in Stein gemeißelt in ihrem Hirn abgespeichert. Gewissermaßen eine paläolontische Festplatte. Dadurch ergibt sich mit der Zeit ein literarisches Völlegefühl und eines Tages erbrechen sie alles. Sie entleeren sozusagen ihren Kropf. Dabei kommt auch das hoch, was gar nicht so war. Dann wird Seiten füllend eben etwas hinzugedichtet. Und wen interessiert das?! Keine Sau!
Auch diese Kulturwoche leistet somit ihren Beitrag zum unaufhaltbaren Niedergang der abendländischen Literatur. Aber was rede ich, ich gebe es auf. Auf mich hört doch niemand. (Name ist der Redaktion bekannt.)"