Gemeinde Wachtberg

Verzweifelte Klagen eines Offenen Bücherschrankes aus "gegebenen" Anlässen!

Bücherschränke im Einkaufszentrum (Foto: Dieter Dresen) Wohl wahr: Frauen und Bücher wirft man nicht einfach so weg! Diese altbekannte konfuzianische Lebensweisheit* hat offensichtlich wohl gerade heute auch noch Bestand!


Hat man mit ihnen doch so manche Nacht genüsslich bis lustvoll, manchmal vielleicht auch tränenreich, im Bett verbracht, anfänglich unter der Bettdecke beim Licht einer Taschenlampe, später an geheimen Orten im Haus oder in Wald und Flur, im Stroh auf dem Heuschober, dann auch an einsamen Stränden des Mittelmeeres, spätabends am Swimming-Pool im Vier-Sterne-Hotel oder auf langen Zug- Schiffs- und Flugreisen, in entlegenen und einsamen Hotelzimmern des Nachts nach langweiligen Meetings, dann aber beim Schein einer freundlichen Nachttischlampe. Manche sollen sie sogar mit auf ihren Kriegszügen im Tornister mitgenommen haben, um sie immer zur Hand zu haben, so liebgewonnen hat man sie eben im Laufe des Lebens: die Bücher!

Irgendwann steht man dann vor der allesentscheidenden Gretchenfrage: Wie hältst du es mit deinen Lieblingsbüchern? Die deckenhohen Regale quellen über! Das Altersheim hat dann auch noch diese unumstößlichen Brandschutzvorschriften.  Wohin nur damit? Die kann man dann doch nicht so einfach wegwerfen! Die kostbaren Bücher! Das geht doch nicht! Der geliebte „Werther“, Reclam-Ausgabe mit den Anmerkungen aus dem Deutschunterricht, damals heiß verschlungen. „Deutschland – Ein Wintermärchen“ von Heine, etwas zerfleddert und mit Fettflecken, ja, aber auch mit „Atta Troll“. Der einst tolle Konsalik, fast vollständig! Der gute Brockhaus, kostbare Gesamtausgabe! Das Lexikon der Musik, vierbändig! Die traditionelle Italienische Küche! Utta Danella! Die Pilcher, alles gelesen, damals! Die Fischer! Der kostbare Bildband über Südwestlappland! Und hier: der Reiseführer von Mallorca von Anfang der 70er mit den sorgfältig eingezeichneten Wegen! Das geht doch nicht! Einfach so weg damit in den Papiermüll? Dann wäre man ja ein Charakterschw … oder noch schlimmer: ein Banause! Was tun? Aber halt … da gibt es doch … ja, das isses … Genau! … Pegasus sei Dank, genau deshalb gibt es ja die beiden Offenen Bücherschränke im E-Center zu Berkum!!! Auf geht’s!

Nein, genau dafür gibt es uns eben nicht! Ich möchte bitte keine alten, abgefetzten Schulbücher, keine langweiligen Bundestagsprotokolle aus den Jahren 1982 bis 1985, keine inzwischen unkorrekten Wanderkarten von Bosnien-Herzegowina, der Südtürkei, Teneriffa, keine ungelesenen, antiquarischen Readers-Digest-Bände, keine wissenschaftlichen Fach- und überholte Sachbücher oder Traktate über „China im Wandel“ aus den 70ern in meinen Regalen haben! Dafür gibt es Altpapier-Container, Antiquariate oder Fachbüchereien an der Uni, um diese sicher so ungemein kostbaren Unikate loszuwerden. Oder Freundinnen, meinetwegen auch Freunde, und auch schon erwachsene Kinder nebst anderen Familienangehörigen. Auch wenn das vielleicht mit einigem Aufwand verbunden ist.

Wir Offenen Bücherschränke leben nämlich von Fluktuation! Von Austausch! Von Aktualität! Von Lebendigkeit! Man schaut sich mein tägliches Angebot sorgfältig an, wählt aus, entnimmt dann e i n Buch, das einen interessiert. „Bitte gerne!“ – „Danke!“ Und stellt als herzliches Dankeschön e i n anderes Buch hinein, das andere hoffentlich auch genauso gerne lesen wollen. E I N Buch wohlgemerkt! (Frau tauscht ihren Partner ja auch nicht gegen zehn andere aus!) Und zudem ein sauberes, unfettiges und unzerfleddertes Buch wohlgemerkt! Ein möglichst gutes Buch, was immer das auch sein mag! Und bitte nicht einen ganzen Regalmeter aus Omas Nachlass! Denn dann sind meine Regale sofort voll, die Bücher stehen in Zweierreihen! Dichtgedrängt! Übereinandergestapelt! Die dann gar nicht mehr näher angeschaut werden (können)! Wen interessiert noch „Vom Wilden zum Weltraumfahrer – Die Geschichte des Verkehrs“ von Professor Dr. Rauers, neu bearbeitet von Joachim Vosberg, aus dem Jahre 1962 (!)“? Es gibt vielleicht einen Interessenten, aber der ist gerade auf Forschungsreise in Papua-Neuguinea. Dieses Buch nimmt doch dem neuen, spannenden Roman von Juli Zeh den Platz weg! Und dann muss wieder dieser ältere Herr, der Gott sei Dank mit seiner kostbaren Freizeit leider nichts anderes anzufangen weiß, zwei-dreimal in der Woche kommen und den ganzen liebgewonnen Bestand sichten und aussortieren und viele Exemplare schweren Herzens seinem endgültigen Schicksal zuführen. An den denkt niemand! Das Ausmisten tut mir gut, ihm aber doch weh, weil … siehe oben!

Ich habe aber die Hoffnung noch – nicht ganz – aufgegeben, dass meine Bitte auf offene Ohren, Augen, Herzen und vor allem Verständnis stößt, auch übrigens im Namen meines Zwillingsbruders für Kinder- und Jugendliteratur, der direkt neben mir steht! Bei ihm sollen nämlich nur und ausschließlich Kinderbücher abgegeben werden, damit sich Kinder und Jugendliche nicht durch den Wust der Erwachsenenliteratur (Vorsicht: Sex!) kämpfen müssen. Dieser Hinweis auf Kinder- und Jugendliteratur steht übrigens auch dran!

Ihr und Dein „Offener Bücherschrank“ im E-Center - und anderswo

* Der chinesische Philosoph Konfuzius war damals gendermäßig nicht auf dem aktuellsten Stand, konnte es wohl auch gar nicht sein.

(von Dieter Dresen)