Wachtberg – aus dreizehn Dörfern wird eine Gemeinde: Beitrag v. Ursula Schöpf "Hausbesuch in Berkum"

Wachtberg – aus dreizehn Dörfern wird eine Gemeinde, von Dr. Barbara Hausmanns (Titelseite) Wachtberg – Vier Jahrzehnte kommunaler Entwicklung seit 1969 hat das Buch „Wachtberg – aus dreizehn Dörfern wird eine Gemeinde“ von Dr. Barbara Hausmanns, Archiv der Gemeinde Wachtberg, unter vielfältigsten Perspektiven zum Inhalt. Einige Beiträge konnten platzbedingt im Buch leider nicht berücksichtigt werden ... sollen den Wachtbergerinnen und Wachtbergern aber nicht vorenthalten werden.

Beitrag von Ursula Schöpf "Hausbesuch in Berkum"

PPPPFFFFFFFF hörte ich mehrmals hintereinander und ein Rattern der Jalousie. Es war weit nach Mitternacht, als ich davon aufwachte. Dazu noch andere, noch nie gehörte Geräusche. Einbrecher?

Ich stellte mich erst einmal schlafend, blieb regungslos liegen und horchte angestrengt in die Dunkelheit. Dann klapperte wieder die Jalousie. Nach dem Aufbrechen des Fensterschutzes, einer Tür oder eines der Fenster mit Werkzeug hörte es sich nicht an. Werkzeuggeklapper oder menschliches Herumschleichen ist es wohl auch nicht.
Neben mir schlief mein Mann tief und fest. Über ihm könnte das Haus abbrennen, dachte ich neidisch. Seit der Geburt meines ersten Kindes hatte ich einen so genannten leichten Schlaf. Das kleinste Geräusch drang zu mir durch und machte mich hellwach. Wie schnaufen hörte sich das an und irgendwie stampfen.
Wir waren vor wenigen Wochen in unser neu erbautes Haus eingezogen. Wir – eine vierköpfige Familie. Die Menschen, die Umgebung waren uns noch nicht vertraut.

Auf unserem Grundstück stand das Haus und die Fertiggarage und alles andere fehlte noch: Terrasse, Rasen, Gehölze und Beete. Von der Treppe zur Ahrweiler Straße gab es noch keine Pflasterung, da lagen einige Bretter, auf denen wir vorsichtig balancierten, damit unsere Schuhe sauber blieben.

Die Geräusche wiederholten sich. Dann rumpelte etwas gegen den Rollladen und voller Schreck wurde mir bewusst, dass das Fenster offen ist. Mein Herz schlug heftig, aber trotz meiner Angstgefühle schlug ich leise die Bettdecke zurück, tastete mich um die Ehebetten herum zum Fenster und machte es so leise wie möglich zu.
Dann rüttelte ich meinen Mann an der Schulter und flüsterte ihm ins Ohr, dass er aufwachen müsse, da sei etwas vor dem Fenster. „Was ist?“ fragte er und ich erklärte ihm, dass ich nach oben gehen und aus dem Fenster schauen will. Es stapft etwas um das Haus. Vielleicht kann ich von oben erkennen, was los ist.

Barfuß und im Schlafanzug schlich ich die Treppe hoch, bemüht keinen Krach zu machen. Die Kinder sollten nicht wach werden, denn sie mussten am nächsten Tag zur Schule. In der Dunkelheit die Türklinke zu finden zu dem Raum, der an der Straßenseite lag, war gar nicht so einfach. Das Zimmer war unbewohnt und es war nicht so dunkel wie das Schlafzimmer. Glück im Unglück: es war vergessen worden, die Jalousie her-unterzulassen.

Der Fenstergriff glänzte etwas, und so konnte ich zügig darauf zugehen. Ich hob ihn vorsichtig an und sah hinunter in den so genannten, noch nicht vorhandenen Vorgarten. Irgendwo hatte ich mal gelesen, wenn man die Augen eine Weile schließt, kann man anschließend besser sehen. Das tat ich. Es stimmte. Danach erkannte ich gut zwei weiß-schwarz gescheckte Kühe: Schmitzens Kühe.

Ich beugte mich weit aus dem Fenster und versuchte zu erkenne, ob noch welche auf der großen Wiese waren, jenseits des Wiesenweges, die fast an das Viereck reichte. Aber dazu war es zu dunkel, stellte ich fest und machte mich genauso geräuscharm auf den Rückweg in das Erdgeschoss.

Dort stand mein Mann vor dem geschlossenen Schlafzimmerfenster. Er hatte die Jalousie hochgezogen und eine Kuh sah zum Fenster herein. Dahinter konnte man dunkle Umrisse erkennen, die sich langsam bewegten. Ich stellte mich neben ihn und berichtete ganz leise, dass an der Straße zwei Kühe wären. Es sei aber so dunkel, dass man nicht bis zur Wiese sehen kann. Wahrscheinlich sind alle Kühe ausgebrochen und hier bei uns auf dem Grundstück.

„Was machen wir jetzt bloß? Können die etwas kaputt trampeln?“ fragte ich besorgt. „Vielleicht die Abflussrohre von den Regenrinnen wegreißen. Am besten rufen wir bei Schmitz an und dann müssen die ihre Kühe zurücktreiben“ meinte mein Mann und holte das Telefonbuch aus dem Sideboard im Flur und ging damit in das Wohnzimmer. Dazu musste und konnte ich in dieser Situation das Licht anschalten. Wir überlegten, wie wir bei den vielen Schmitz, die es gibt, die richtigen finden könnten. Über den Straßennamen und die Hausnummer müsste es gehen. Zum Unterstreichen der Nummer im Telefonbuch holte ich einen Kugelschreiber, unterstrich die Zahlen und mein Mann brachte das orangefarbene Telefon, das sich die Mädchen ausgesucht hatten, zum Wohnzimmertisch. Praktischerweise hatte es ein sehr langes Kabel. Ich wählte und ließ es eine Ewigkeit klingeln. Es meldete sich niemand. Ich wählte noch einmal, ließ mir viel Zeit, bis ich den Hörer enttäuscht auf die Telefongabel zurücklegte. Nichts. Niemand kam ans Telefon.
„Klar, die Schmitzens schlafen selig und wir haben ihre Kühe am Hals. Morgen können wir vielleicht noch Berge von Kuhmist zusammenkratzen“ schimpfte ich wütend und ging zum Schlafzimmerfenster zurück. Ratlos starrte ich in das fahle Dunkel.

Nach einer Weile kam mein Mann dazu und wir überlegten, wie viele Kühe das wohl sind. Acht oder sogar zehn mochten es sein. Jeden Tag, seit Ende August 1978, sahen wir sie auf der Wiese friedlich grasen oder beieinander liegen. Wegen der guten Luft waren wir in das Drachenfelser Ländchen gezogen. Wir mochten die weidenden Kühe, nur jetzt, mitten in der Nacht um unser Haus stapfend, wirkten sie unberechenbar und bedrohlich.

„Komm, lass uns nachsehen, war vor der Haustür los ist. Treppensteigen werden sie bestimmt nicht. Dauernd laufen auch Leute über unser Grundstück und Hunde und jetzt sogar die Kühe. Es geht nicht ohne Zaun“, flüsterte es neben mir. Ich knipste die Treppenbeleuchtung an, mein Mann hängte die Sicherheitskette aus und öffnete vorsichtig langsam die Haustür.

Da hörten wir, mehr als wir sahen, einige Kühe auf dem Asphalt laufen und verhaltenes Muhen. Sie gingen langsam, eine hinter der anderen, auf ihre Wiese zurück.

Heute, nach dreißig Jahren, ist Schmitzens Wiese ein schöner und gut ausgestatteter Kinderspielplatz: mit viel Grün, einem Bach, einem Teich, mehreren Bänken und einer Tischtennisplatte. Er ist eine kleine Attraktion vor meinem Haus, auf der die Kinder gerne spielen.

(Ursula Schöpf, Wachtberg-Berkum)