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3700 Kilometer mit dem Rad - Erzähltheater mit Rainer Kreuz

Rainer Kreuz: Die Kalimba erzählt. (Foto: Gemeinde Wachtberg/mm) Wachtberg-Pech (mm) – Der Versammlungsraum des Pecher Feuerwehrhauses liegt im Dunkel, einzig ein Lichtspot ist auf die kleine, zur Bühne freigeräumte Fläche gerichtet. Dort steht Rainer Kreuz, mit dem Rücken zum Publikum. Es ist still, dann … Hände, die den Rücken wie eine Umarmung hinaufgleiten, den Hals umfassen, dazu leise Knutschgeräusche.

12. Wachtberger Kulturwochen (Banner)

 

 

Derart minimalistisch, dabei emotional so berührend setzte Kreuz den Abschied in Frankreich von seiner Frau Anke in Szene. Vorausgegangen waren da schon 1200 - erzählte - gemeinsam per Rad gefahrene Kilometer.

Rainer Kreuz: 'Radelnd' erzählte er von seiner Radtour nach Marokko. (Foto: Gemeinde Wachtberg/mm)

 

Von Wachtberg nach Marokko

Einmal mit eigener Muskelkraft von einem Kontinent zum anderen, von Zuhause in Wachtberg-Pech bis nach Fès in Marokko, das war die Idee. Dafür hatte Kreuz ein Sabbatical eingelegt, eine berufliche Auszeit aus seiner Tätigkeit als Jugendarbeiter. Das war vor zehn Jahren.

Jetzt, im Rahmen der 12. Wachtberger Kulturwochen, wollte er auf seine ganz eigene Art diese Tour nochmals Revue passieren lassen. Gut zwei Dutzend Leute waren seiner Einladung gefolgt. Insider ahnten es schon, es würde keinen Reisebericht mit Bilderschau und historischen, kulturell interessanten Daten geben. Nein, sagte Kreuz gleich zu Beginn, Fotos seiner mehrmonatigen Reise habe er damals, nach seiner Rückkehr, schon gezeigt. Aber er fand, das Thema sei immer noch nicht auserzählt. Vielmehr wolle er die Zuhörer im Kopf mit auf seine Reise nehmen. Erzähltheater à la Rainer Kreuz, man durfte gespannt sein.

 

Alleine auf zwei Rädern

Zurück zu Anke, seiner Frau. Sie hat ihn während der Sommerferien auf den ersten Etappen seiner Reise begleitet. In der Dordogne heißt es dann Abschied nehmen, Anke muss zurück. In den Herbstferien wollen sie sich wieder treffen, in Marokko. Rainer setzt seine Reise nun alleine fort, eine für ihn, wie er sagte, prägende Erfahrung, lagen doch noch 2.500 Kilometer vor ihm… und die eine oder andere nicht einkalkulierte Begebenheit. Rainer Kreuz: Eine selbst gefertigte Karte zeigte die Etappen an. (Foto: Gemeinde Wachtberg/mm)

Das Original-Fahrrad mitsamt mehreren Packtaschen hatte Kreuz im Feuerwehrhaus aufgebockt, und so „radelte“ er von einer Etappe, von einer Erzählung zur nächsten. Auf einer, wie er betonte „nicht originalgetreuen“, dafür selbst gefertigten großen Karte hatte er die verschiedenen Etappen eingezeichnet. Von der Dordogne geht‘s nach Bordeaux, Rainer übernachtet in Jugendherbergen, schläft auch mal unter freiem Himmel im Weinberg, in Arcachon gönnt er sich eine Ruhepause, über Biarritz führt der Weg schließlich hoch in die Pyrenäen. Soweit läuft alles gut, wären da nicht immer wieder latent diese Zahnschmerzen. Er fährt weiter.

Abenteuer in Spanien

„Dann begann das Abenteuer Spanien!“ - Wortlaut Rainer Kreuz. Kaum Schilder, erst spät merkt er, dass er bereits in Spanien, im Baskenland, ist. Er begegnet Pilgern, die auf dem Jakobsweg unterwegs sind, verlegt seine Route auf ruhigere Nebenstrecken, er verliert sein Portemonnaie, aber zum Glück findet es sich wieder an. „Mir kann nichts passieren“, denkt er, „es geht immer weiter!“ In Salamanca gerät er in eine Fiesta, bei der ihm sprichwörtlich die Funken um die Ohren fliegen. „Extremadura – da willst Du hin? Da ist nichts los!“ hört er, als er sein nächstes Etappenstück kundtut. Er erlebt trockene Ödnis bei sengender Hitze, mittags rastet er unter Brücken, eine der wenigen Schattenplätze überhaupt. Und die Zahnschmerzen kehren zurück. Bis Sevilla, der nächsten größeren Stadt, schafft er es nicht mehr, er sucht in einer Kleinstadt das örtliche Hospital auf. Ohne Spanischkenntnisse, mit Händen und Füßen, gelingt es ihm, sein Leiden zu kommunizieren. „Da ist etwas passiert, was ich nie wieder erleben möchte!“, mit diesen Worten leitete Kreuz die folgende Episode ein, die sich in Kurzform so abspielte: zwei Ärzte, eine riesig große Zange, ein in Alkohol getränkter dicker Wattebausch … angezündet, gequalmt und gestunken, eingeatmet und gehustet … 40 Euro! Am nächsten Tag, oh Wunder, die Schmerzen sind weg. Wie sich später herausstellte, hat fast 100-prozentiger Alkohol der Entzündung des Weisheitszahnes – vorerst – den Garaus gemacht. In Sevilla begibt sich Kreuz kieferchirurgisch in deutlich fachmännischere Hände, der Weisheitszahn wird gezogen. Statt der verordneten längeren Ruhe fährt Kreuz schon bald weiter, der Zeitplan wird langsam eng. Die geplante Auszeit an der Algarve verkürzt sich deutlich, und dann ist da auch noch die Sache mit der Brücke, die für Radfahrer verboten ist. Tipp der Einheimischen: „Nimm das Fahrrad über die Schulter und geh zu Fuß rüber!“. Witzig, mit einem vollbepackten Rad und dicker Backe!

Einlage: Die Kalimba spricht

Rainer Kreuz: Die Kalimba erzählt. (Foto: Gemeinde Wachtberg/mm)
Tja, manchmal ist alleine zu reisen gar nicht leicht. Da entwickelt man selbst zu so einem kleinen Gegenstand wie einer Kalimba, die Kreuz zur musikalischen Eigenunterhaltung mit im Gepäck hatte, eine beinahe emotionale Beziehung. Rührend, wie Rainer dies - in einer Einlage aus der Warte des Instruments - thematisierte. Da bringt die Kalimba ihre Enttäuschung und Ängste zum Ausdruck, als sie auf holpriger Strecke verloren geht, auf der Straße liegen bleibt, während Rainer weiterradelt. Aber er merkt’s, kommt zurück und gemeinsam geht die Fahrt weiter.


Ziel erreicht

Dann ist der Moment gekommen, Rainer steht auf einem anderen Kontinent, Afrika! Ausgerechnet im Ramadan kommt er in Marokko an, das heißt: Tagsüber keine Geschäfte, in denen er etwas zu trinken oder zu essen kaufen kann. Er muss sich beeilen, radelt in nur einer Woche die letzten Stationen bis nach Fès. Dann ist er da… nach insgesamt 3.700 Kilometern, geschafft! Und Anke ist auch da!

Epilog

Die Wiedersehensfreude hat Kreuz nicht mehr in Szene gesetzt, das konnte sich jeder Zuhörer auch ohne Worte bildlich vorstellen. Er habe viel erlebt, viel erfahren … am meisten über sich selbst, sagte Kreuz rückblickend.


Die anschließende Sammlung im „Kulturbeutel“ erbat Rainer Kreuz nicht für sich, sondern als Spende für die Flüchtlingshilfe in der Gemeinde Wachtberg.