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Über die Höflichkeit bei Tisch anno 1530 - Das Menschenbild der Renaissance in Liedern, Tänzen und Sitten

Geist, Herz und Magen: Dem Menschenbild der Renaissance in Liedern, Tänzen und Sitten widmete sich ein Konzert in der alten Kirche in Berkum. (Foto: GW) Wachtberg-Berkum – „Speist man mit Vornehmen, nehme man den Hut vom Kopf und kämme sich das Haar.“ Diese und andere Benimm-Regeln des 16. Jahrhunderts, eingebettet in zeitgenössische Musik, lernten die Besucher des Konzertes „Geist, Herz und Magen“ kennen. Das Barockposaunenquartett „Aequalis“ und das Renaissanceflötenconsort „Artemisia“ hatten gemeinsam mit der Sopranistin Kornelia Opitz im Rahmen der 6. Wachtberger Kulturwochen hierzu in die Pfarrkirche Sankt Gereon in Berkum eingeladen.

 

2012 - 6. Wachtberger Kulturwochen (Banner)

 

 

Dem Menschenbild der Renaissance widmete sich die Veranstaltung - mit Tänzen und Liedern … und einem kleinen Exkurs über die Sitten und Anstandsregeln der damaligen Zeit. Jesuitenpater Marc-Stephan Giese SJ war hierzu gewonnen worden. Verschmitzt erzählte der Pater des Aloisius-Kollegs Interessantes aus dieser Zeit. So war es nicht schicklich „die Finger abzuschlecken oder am Rock abzuwischen. Das darf man nur am Tischtuch tun.“ Was man nicht schlucken konnte, warf man unter den Tisch, so auch die Knochen, erfuhren die zahlreichen Zuhörer weiter, doch sollte man Acht geben, dass dabei andere Gäste nicht zu Schaden kämen.

Geist, Herz und Magen – die Akteure nahmen die Gäste mit auf eine Reise ins 16. Jahrhundert. (Foto: GW)Schon bald fühlte sich das Publikum in diese Zeit zurückversetzt und lauschte gespannt den Ausführungen. Die ausgewählte Musik unterstrich diese Reise auf besondere Weise. Sopranistin Kornelia Opitz hatte die Moderation übernommen. Lebhaft führte sie durch’s Programm, so dass die Reise in das pralle Leben jener Zeit alle in ihren Bann zog. Zeitweise war es mucksmäuschenstill in der alten Kirche.

Musikalisch hatten das Renaissanceflötenconsort um Judith Cramer, Irmgard Kessler, Ute Luhmer, Christa Pusch und Manfred Pusch (Dulzian) und das Barockposaunenquartett um Prof. Harry Ries a.G., Wolff-Thomas Kress, Wolfgang Maier, Marita Steinke und Günther Klenk (Schlagwerk) sowie Sopranistin Kornelia Opitz ein großes Spektrum damaliger Musik ausgewählt. Wie im Konzerttitel angekündigt, war diese in die drei Themengebiete Geist, Herz und Magen eingeordnet.

Geist
Zwei Fassungen von „Ein feste Burg ist unser Gott“ waren unter „Geist“ dabei. Die erste, von Martin Luther, erläuterte Opitz, sei die Version, wie sie noch heute im Gottesdienst gesungen werde; die andere, von Heinrich Schütz, zeige, wie der Choral in seiner Entstehungszeit auf den Märkten und Straßen der Städte geklungen habe. Vielen der heutigen Kirchenlieder, machte sie deutlich, lägen Melodien damaliger Volks- und Tanzlieder zugrunde. Ein besonderes Schmankerl sei die Messe „Entre vous filles de quinze ans“ (Unter euch Mädchen von fünfzehn Jahren) von Orlando die Lasso, basiere sie doch auf einem schlüpfrigen Scherzliedchen von Clemens non Papa.

Geist, Herz und Magen – das Barockposaunenquartett „Aequalis“ und das Renaissanceflötenconsort „Artemisia“ mit Sopranistin Kornelia Opitz (Mitte) und Jesuitenpater Marc-Stephan Giese SJ (3.v.r.). (Foto: GW)

Herz
Beim Schwerpunkt „Herz“ drehte sich anschließend alles um die Liebe.
Im italienischen Lied „Scaramella“ von Josquin Desprez versucht ein fescher Landsknecht die Frauenherzen zu erobern, ebenso wie im schwedischen „Cavalier di Spagna“ von Magistro Rofino. Um innige Gefühle der Liebe ging es auch in zwei Versionen von „Ach Elslein, liebes Elslein“ von Georg Rhaw und Ludwig Senfl.

Über die Sitten beim Tanz erfuhren die Gäste unter anderem, dass, sobald sich die erwählte Jungfrau zum Tanzen einverstanden zeigte, der Tänzer und die Tänzerin beide zusammen auf die Tanzfläche gingen, sich dabei an den Händen hielten, umarmten und küssten – manchmal sogar auf den Mund – und sich einander ihre Freundschaft mit gesetzten Worten und Gesten versicherten.

Aber nicht nur eitel Sonnenschein spiegelten die Lieder jener Zeit wider. So lädt in dem flämischen Lied „Rompeltier“ von Jacob Obrecht eine Frau, deren Mann nicht zu Hause ist, einen fremden Mann in ihre Schlafkammer ein.

Magen
Was wäre der Geist ohne den dazugehörigen Körper? Im dritten Kapitel „Magen“ ging es um Hunger und Durst. „Vitrum nostrum gloriosum“ erinnerte daran, wie viel wir beim Weinanbau den Mönchen zu verdanken haben. Wenn man seinen Durst mit Wein löschen konnte, war man auf der Sonnenseite des Lebens … zumindest in jener Zeit.

Das Publikum dankte den Akteuren für diese beeindruckende Reise ins 16. Jahrhundert mit seiner Musik und seinen besonderen Sitten mit lang anhaltendem Applaus. (GW)