Grenzsteine bei Gimmersdorf bleiben verschwunden - Bedeutung und Herkunft geklärt

Historische Grenzsteine: Die Bedeutung der kürzlich entwendeten Grenzsteine konnte inzwischen geklärt werden – sie dienten der Markierung von bergbaulichen Abbaurechten. (Foto: D. Kampe) Wachtberg - Der historische Hintergrund der im Herbst 2008 wieder gefundenen und im März 2009 von ihrem ursprünglichen Standort an der Feldwegparzelle gestohlenen Grenzsteine ist geklärt. Sie hatten eine bergbauliche Bedeutung und sind zeitlich der ersten Hälfte und Mitte des 19. Jahrhunderts zuzuordnen. Hinweise von Paul Giersberg, Dr. Stephan Thomas und Dr. Bernd Habel führten auf die richtige Spur.

Insbesondere mit Hilfe der umfassend aufbereiteten Bergbaugeschichte des Ländchens von Dr. Bernd Habel: „Der ehemalige Bergbau in der Umgebung von Niederbachem“ konnten die Zusammenhänge geklärt werden.

Danach kann es sich nur um Grenzsteine handeln, die zur Markierung von bergbaulichen Abbaurechten dienten. Solche Konzessionen wurden von den schon seinerzeit mächtigen, staatlichen Bergbauämtern für den Abbau von Bodenschätzen wie Kohle, Eisen und Buntmetalle (jeweils getrennt für Blei, Kupfer, Zink, Silber, ...) erteilt. Die räumliche Darstellung dieser Lizenzen erfolgte in so genannten Mutungsübersichtskarten. Auf der Übersichtskarte Blatt 5308 Bonn Bad Godesberg sind solche Flächen mit Schürfrechten für Eisenerz und Buntmetalle dargestellt. Der Standort der gestohlenen Steine ist der gemeinsame Eckpunkt für die Konzession auf Schürfrechte für Eisenerz der Grube Iris und der Grube Wilhelm I. Mit den Initialen G I und G W I sind die Steine zweifelsfrei diesen Grubenfeldern zuzuordnen. Allerdings fehlen die anderenorts vielfach zu findenden Zeichen des Bergbaus: Schlägel und Eisen.

Interessant wäre noch, wie es zu dieser doppelten Steinsetzung kam. Die Quelle dafür ist wiederum die erwähnte Abhandlung von Dr. Bernd Habel. Darin wird berichtet, dass die Grube Iris - sie bestand seit ca. 1795 südlich von Oberbachem - Schürfrechte für Eisenerz besaß. Die Eisenerzgewinnung sollte dann Mitte des 19. Jahrhunderts ausgebaut und neue Schürfrechte mussten erworben werden. In der „Bekanntmachung“ des Königlich Preussischen Berg-Amts vom 15. Juni 1848“ wird die beantragte „Concession“ mit einer genauen textlichen Beschreibung der Grenzlinien wiedergegeben. Dieses neue, nördlich anschließende Konzessionsgebiet der Grube Wilhelm I reichte bis zur Wattendorfer Mühle. Die Stelle wurde also zusätzlich mit einem weiteren Stein (GW I) markiert. Der neue, größere Stein ist damit zeitlich in die Mitte des 19 Jahrhunderts zu datieren. Kleinere Schürfstellen für den Abbau von Eisenerz der Grube Wilhelm I sind noch in der Nähe der Kompostanlage bei Gimmersdorf und an einigen Stellen des Heltenbachtales zu finden. Die Funde müssen nicht sehr ergiebig gewesen sein.

Wie es gerade zu diesem Eckpunkt an der Feldwegparzelle kam, ist eher aus dem Regelwerk der Bergämter für die Abgrenzung der Lizenzgebiete zu erklären, z.B. Mindestgröße, Kantenschluss zu Nachbarrechten, Winkeligkeit. So waren die Konzessionsgebiete meist rechteckige Streifen, verliefen winkelig, folgten aber auch Straßen und Bächen. Dort, wo keine Landmarken als Grenzpunkte genutzt werden konnten, wurden Steine mit den Initialen des jeweiligen Grubenfeldes gesetzt. Um einen solchen Punkt muss es sich hier handeln. So liefen die Flucht- und Grenzlinien - wie in diesem Fall - vielfach quer durchs Gelände. Der Fundort der Steine deutet also auf keine besonderen historisch bedeutsamen Ereignisse oder Güterrechte hin, sondern ist einfach ein technisch ermittelter Grenzpunkt.
Dennoch sind - oder waren - die Steine für die Kulturgeschichte des Wachtberger Ländchens von Bedeutung, gehörten sie doch zu den wenigen oder gar einzigen Grenzsteine für bergbauliche Konzessionsgebiete in Wachtberg, die noch an ihrem angestammten Standort verblieben waren. Flurbereinigung, Straßenbau und „Privatisierung“ sind immer noch die Hauptursachen für die Verarmung unserer Kulturlandschaft an solchen kulturgeschichtlichen Kleindenkmälern.

Bleibt nur zu hoffen, dass die Steine wieder auftauchen und neu gesetzt werden, um auch künftige Generationen an die bergbauliche Kulturgeschichte des Wachtberger Ländchens im 19. Jahrhundert zu erinnern. (Dietrich u. Gisela Kampe)

Bürgermeister Theo Hüffel und Dr. Barbara Hausmanns vom Gemeindarchiv danken Dietrich und Gisela Kampe sowie Paul Giersberg, Dr. Stephan Thomas und Dr. Bernd Habel für diese aufschlussreiche Recherche.
So erfreulich die Klärung der Bedeutung der Grenzsteine ist, um so trauriger ist die Tatsache, dass die Steine noch nicht wieder aufgefunden wurden. Hüffel appelliert daher erneut an die Aufmerksamkeit der Bürgerinnen und Bürger: „Wer weiß etwas über den Verbleib der zwei Grenzsteine?“. Hinweise erbeten an die Gemeinde Wachtberg (Dr. Barbara Hausmanns, Tel: 0228/ 9544 168, E-Mail: barbara.hausmanns@wachtberg.de) oder an den Streuobstwiesenverein Wachtberg, (Michael Behrendt, Tel: 0228/ 347294 oder Dietrich Kampe, Tel: 0228/ 341632, E-Mail: Dietrich.Kampe@t-online.de ). (GW)

(Literaturangabe: Habel, Bernd, Dr.: Der ehemalige Bergbau in der Umgebung von Niederbachem, in: Heimat und Verschönerungsverein Niederbachem e.V. Heimatgeschichtliche Dokumentation; Heft 20)