Gemeinde Wachtberg

Immer noch viel zu sagen - Reminiszenzen aus acht Jahrzehnten

Ruth Keller las aus ihrem autobiografischen Buch „Leben im Wandel der Zeiten“. (Foto: GW) Wachtberg-Ließem – Ruth Keller las im Rahmen der Wachtberger Kulturwochen aus ihrem neuesten Werk „Leben im Wandel der Zeiten - Reminiszenzen aus acht Jahrzehnten“ und gewährte damit den zahlreich erschienenen Zuhörern Einblicke in ihre ganz persönliche Lebensgeschichte.

 

Kulturwochen 2010 (großes Banner)

 

 

Kurt Zimmermann, Leiter des Büchereiverbundes Wachtberg, hatte die in Oberbachem wohnende Autorin nochmals für eine Lesung gewinnen können. Bei ihrem letzten Auftritt, erinnerte sich Zimmermann, habe sie aus ihrem sechsten Buch „Zu guter Letzt“ vorgetragen.

Jenes Buch sei auch als letztes gedacht gewesen, erklärte die 79-jährige Ruth Keller mit einem Schmunzeln, da aber viele ihrer Freunde der Meinung waren, dass sie doch noch Einiges zu erzählen hätte, habe sie ein „allerletztes“ Buch geschrieben, und dieses Mal hätten ganz andere Beweggründe mitgespielt als bei ihren vorausgegangenen Büchern.

Besonders eine Textsammlung des von ihr hochgeschätzten Autors Dieter Wellershoff, die dieser im Alter von 82 Jahren noch veröffentlichte, habe sie zu diesem Buch bewogen. So möchte auch sie ihr Buch verstanden wissen als ein - wie es im Klappentext des Wellerhoff'schen Buches heißt - "aufeinanderbezogenes Ganzes ... das zeigt, wie die Zeitgeschichte die Lebensgeschichte prägt und das eigene Erleben in Literatur mündet".
 

Ruth Keller setzt in ihrem neuesten Werk ihre persönliche Geschichte auf unterhaltsame und spannende Art und Weise in den Kontext des Zeitgeschehens.

Sie lässt die ersten Jahre ihrer Schulzeit wieder lebendig werden, erzählt von ihrer Schiefertafel und dem kratzenden Griffel, von dem an einem langen Band aus dem Ranzen baumelnden Schwamm. Einen Brief, als Sechsjährige an ihren Vater geschrieben, liest sie vor, liebevoll und originalgetreu mit all seinen Fehlern, und auf einmal steht die kleine Ruth inmitten der Geschichte, wenn sie stolz ihre Schulnoten auflistet und anschließend von einer Begegnung mit dem Führer berichtet.
Kriegserlebnisse, Erinnerungen an Bombardierungen und Aufenthalte im Luftschutzbunker schildert sie aus der Sicht des Mädchens.
Die ersten Nachkriegsjahre verbringt Ruth bei Bauern auf dem Land. Sie hilft bei der Arbeit, lernt sogar das Kühemelken und sieht sich schon als künftige Bäuerin. Der Traum platzt, als ihre Verliebtheit zu einem Jungen unerfüllt bleibt. Daraufhin kehrt sie dem Landleben den Rücken. In Bonn findet die Familie schließlich eine neue Heimat. 1947 wird Ruth wieder eingeschult, 1952 macht sie ihr Abitur. Ihre Begeisterung für Literatur ist da bereits geweckt.
Aus ihrer Zeit als „mother’s help“ in England weiß sie ebenso Amüsantes zu berichten wie aus ihren Anfängen als studentische Hilfskraft während ihres Studiums in Bonn.
Sie wird Lehrerin – 30 Jahre ist sie im Schuldienst, zuletzt am Amos-Comenius-Gymnasium in Bad Godesberg. Viele Anekdoten aus dieser Zeit könnte sie erzählen. Eine Strafarbeit, vorgelesen von Ilse Fuß, ihrer langjährigen Dialogpartnerin, bezeichnet sie als beste Schülersatire. Als Strafarbeit für eine Schülerin gedacht, schrieb diese zwar den verlangten Aufsatz, spickte ihn aber mit unterschwelliger Kritik an der Schulbürokratie und den strengen -regeln.
Schließlich kommt sie auf ihren ersten Mann und bekannten Künstler Gerhard Keller zu sprechen, mit dem sie zwanzig gemeinsame Jahre verlebt hat. Nach seinem Tod sei das Schreiben für sie überlebensnotwendig gewesen, erklärt Ruth Keller. So liest sie eine Passage vor, in der es um den Verkauf des großen, alten Arbeitstisches ihres verstorbenen Mannes geht. Wie der vormals mit Pinseln, Farben und sonstigen Utensilien bedeckte Tisch leer geräumt, wie erloschen wirkt und das Leben, die miterlebten Geschichten zu entschwinden scheinen in dem Maße, wie er nicht mehr gebraucht und schließlich beiseite geräumt wird – diese feinen Beobachtungen fasst sie in Worte, gibt dem Verlust ein Gesicht …und Leben mündet in Literatur. In ihrem zweiten Mann, Werner Hoy, hat sie einen Weggefährten für den Lebensabschnitt nach Gerhard Keller gefunden. Dessen künstlerischen Nachlass hat sie kürzlich der Deutschen Stiftung Denkmalschutz übergeben.

Ruth Keller (vorne) mit Ilse Fuß und Kurt Zimmermann. (Foto: GW)

 

Ihrem Wunsch zum Schluss, dass ihr stets Menschen zur Seite stehen, um das, was sie bewege, mit ihr zu teilen, konnte das Publikum nur zu gut beipflichten.

Kurt Zimmermann dankte der Autorin für das Mitgeteilte und das Miteinander-Geteilte, verbunden mit der Hoffnung, Ruth Kellers letztes Kapitel möge den Titel „Immer noch mitteilungsbedürftig“ tragen. (GW)