Emma: Novemberlied

Lokales - Mitteilung aus der Gemeinde Fast passt dieses lustige und übermütige Gezwitscher der Amsel nicht in die traurige, graue Herbststimmung, findet Emma, schaut nach oben und beobachtet ein wunderbares Schauspiel. Als schwarze Silhouette vor dem roten Abendhimmel sitzt die Amsel auf dem Wipfel des hohen, knochigen Kirchbaums.

Riesig weit reißt sie ihren Schnabel auf, um ihre Lebensbejahung hinauszuschreien. Sie selbst scheint an ihrem eigenen Gesang besonders große Freude zu haben. Es tut so gut ihr zuzuhören und unterbricht die Gedanken an die Kargheit und Leblosigkeit des nahen Winters. Der November mit Allerheiligen, Volkstrauertag, Totensonntag oder Buß- und Bettag beschert nicht nur nasse Straßen, Nebelschwaden und kahle Bäume sondern auch kalte Füße, klamme Hände und Triefnasen. Doch die Amsel reckt ihre Schnabelspitze zum Himmel und füllt ihre Kehle mit wunderbaren Tönen. Es sieht so aus, als wolle sie danken für die Liebe im Frühling und den sonnigen, vergangenen Sommer oder bitten um einen vogelfreundlichen, lauen Winter. Noch sieht die Amsel gut genährt aus. Viele ihrer Vogelfreunde sind schon weggezogen in wärmere Länder, wo das Vogelleben im Winter einfacher und behaglicher ist.

So ganz allein wie die Amsel auf dem Baum, so hängen auch noch einige, halbvertrocknete, runzlige Kirschblätter an den kahlen Ästen. Sie bewegen sich schwach und lautlos im sanften Abendwind. Doch plötzlich reißt eines vom Zweig ab und schwebt tanzend nach der Melodie des munteren Vogels langsam zur Erde hinunter. Aber auch hier scheint es noch gerne zu tanzen und wirbelt mit anderen Blättern zum Takt im Kreis. Sie wollen einfach ihr Leben noch nicht aufgeben.
Nun tiriliert die Amsel noch frecher und lauter; auch der Wind hat zugenommen. Ein Blatt nach dem anderen taumelt tänzelnd zur Erde, bis sich der Himmel mehr und mehr verdunkelt und der Vogel sein andächtiges Nachtgebet vollendet.
Nie hat Emma eine Amsel schöner singen gehört als an diesem Novemberabend. Nie klang ihre Stimme so laut und klar, so als würde sie von überall aus der kahlen, kühlen Umgebung zurückgeschickt und vervielfältigt, so voll und voller Hall klingt sie, nicht gedämpft durch den grünen Blätterteppich oder verschluckt von den vielen schrillen Geräuschen des Sommers.

„Lauschen Sie doch auch einmal, wenn alles um Sie ganz still ist! Es gibt so viele Töne in der Natur, an denen man sich erfreuen kann!“ empfiehlt Emma. (C.v.D.)