Emma: Menue

Lokales - Mitteilung aus der Gemeinde Wenn es die feierliche Atmosphäre des gedämpften Raumes zugelassen hätte, Emma hätte laut gelacht, denn es machte ihr an diesem Abend Spaß, Wörter wirklich wörtlich zu nehmen und sie sich in einem verdrehten, zweideutigen Sinn vorzustellen. Aber das Restaurant war vornehm und diskret, zu vornehm und zu diskret für Emma.

Also las sie leise vor sich hin, eher in sich hinein, was die Speisekarte zu bieten hatte;
sieben Gänge:
„Terrine von Seeigelzungen und Sankt Petersfisch, grüne Olivensauce“; Fisch mag Emma; aber wie groß mögen wohl Seeigelzungen sein, braucht man dafür eine Lupe?
„Doppelte Lammkraftbrühe mit Kurpflaumen und Gemüseperlen“; zwei Lämmer in einem Topf kochen? Die Pflaumen müssen sehr gesund sein, wenn sie schon zur Kur waren. Emma schmunzelte heiter weiter. Dass in Gemüse Perlen verborgen sind, wusste sie nicht; eigentlich dachte sie, die gäbe es nur in Austern.
„Lauwarme Kalbskopfroulade in Cassisvinaigrette“; wieder schmunzelte Emma bei der Vorstellung, wie aus einem Kalbskopf eine Roulade gedreht werden könnte.
„Püree von Salatherzen und Sorbet von jungen Möhren“; sind Salatherzen nicht zu schade zum Pürieren?
„Brust von Bresser Küken im Strudelteig, Trompetenpilze in Walnussbutter, braisierter Lattich“; Max und Moritz waren auch wie „Küken im Teig“, wurden zerkleinert und verspeist, nur nicht so vornehm mit Trompeten.
„Gebackener Ziegenkäse in der Mandelhülle, frittiertes Selleriekraut“; das klang ja ganz verständlich; was aber bleibt übrig, wenn man ein Sellerieblatt frittiert?
„Das Farbenspiel exotischer Früchte mit ihren Saucen und Sorbets“; alles bei dieser Speisenfolge mutete Emma exotisch, spanisch und französisch an.
Die Pausen zwischen den einzelnen Gängen waren enorm groß; dabei ging schon mal der Gesprächsstoff aus. Nur aus dieser Langeweile heraus konnten sich solche Gedanken in Emmas Kopf verlieren. Jeder hat inzwischen bemerkt, dass Emma kein Gourmet ist; geschmeckt hat es ihr aber sehr gut!

Was sich Meisterköche heute so alles einfallen lassen, kann man ja fast tagtäglich im Fernsehen verfolgen. „Müssen es denn immer diese hochtrabenden Wortbildungen für Kleinigkeiten sein?“ fragt Emma. (C.v.D.)