Emma: Kaffeeklatsch

Lokales - Mitteilung aus der Gemeinde Verlockend wie ein Sonderangebot stehen die bunten, verzierten Torten auf dem festlich gedeckten Kaffeetisch, findet Emma.

Die Kuchen werden so schnell herumgereicht als würden sie Karussell fahren. Natürlich muss jeder Gast (bzw. jede „Gästin“) von jeder Torte einen Leckerbissen probieren, sonst ist die Gastgeberin enttäuscht.

Noch kleinere Stücke, so versichert diese, könne sie nicht schneiden.
Das Resultat ist, dass jede der Damen zuviel isst. Doch alle sind sich einig, dass sie ganz sicher nur heute – so ganz ausnahmsweise – mal ein Stück mehr essen. Ansonsten essen sie wirklich nur wie ein Spatz, versichern sie. Ob diese Damen wissen, dass Vögel täglich das Mehrfache ihres Körpergewichts fressen, würde Emma jetzt am liebsten fragen. Doch sie ist diplomatisch und sagt nichts angesichts einiger XL-Größen.
Das Klappern des Geschirrs wird leiser; erneut balanciert die aufmerksame Gastgeberin wie ein Artist mehrere Kuchenplatten herum. Die zweite Runde der Kuchenschlacht wird vom klingenden Rührgeräusch der Löffel in den Kaffeetassen eingeläutet. Runde für Runde geben sich mehr Damen geschlagen.
Nach dem „Warmwerden“ (Verzehr von Kaffee und Kuchen) folgt der eigentliche Klatsch. Zuerst müssen die allerneuesten Kochrezepte ausgetauscht, danach stolz die letzten Fotos von den wunderbaren Enkeln herumgereicht werden. Nach dem obligaten Schluck Prosecco lösen sich die Zungen merklich. Jetzt werden Bekannte, natürlich außer den Anwesenden, „durchgesprochen“. Je leerer die Flaschen, desto munterer und zwangloser sind die Damen, was unweigerlich zum Thema Ehemann führt.

Das ist für Emma das Stichwort: „Mein Mann wartet zuhause. Ich muss mich leider verabschieden! Herzlichen Dank für den netten Nachmittag!“ Entgeisterte Gesichter schauen Emma erstaunt an: „Rücksicht auf den Mann? Wir sind doch emanzipiert!“ Gerade deshalb geht Emma jetzt. Fast bereut sie, dass sie diese Einladung angenommen hatte. Eine Tasse Tee und ein spannendes Buch wären dagegen unbezahlte Kostbarkeiten gewesen!
„Ist Kaffeeklatsch eigentlich noch zeitgemäß?“ fragt Emma. (C.v.D.)